Dieser Artikel ist am 07.07.2000 in der Wiener Zeitung erschienen!
Der Bauchtanz zwischen orientalischer Tradition und verwestlichter Exotik Von Sabine Lackner
Ich begann bauchzutanzen, um mich mit meinem Bauch zu versöhnen. Immer hatte ich ihn eingezogen, denn er war mir zu dick, obwohl ich mit 1,70 Meter bloß 50 Kilogramm wog. Als mir von mehreren Leuten gesagt wurde, ich wäre doch schlank und müsste mich nicht aufregen, erkannte ich, dass ich meinen Bauch lieben lernen muss, so wie er ist, erzählt eine Frau im Bauchtanzkurs von den Gründen, warum sie zu tanzen begann.
So gesehen ist das Wort "Bauchtanz" doch ein wunderschönes Wort?! Manche Tänzerinnen sagen jedoch lieber "Orientalischer Tanz", denn dieser Begriff wäre authentischer und nicht mit so vielen Vorurteilen belegt. Als der französische Schriftsteller und Orientreisende Emile Zola erstmals 1880 diesen Tanz aus der prüden Sichtweise des 19. Jahrhunderts heraus als faszinierend und zugleich abstoßend und primitiv beschrieb, übersetzte er nicht das ursprüngliche Wort Raqs Sharqi, das so viel wie "Tanz des Orients" oder "Tanz des Ostens" heißt, sondern nannte den Tanz nach den augenscheinlichen Bewegungen des Bauches: "danse du ventre". Heute trägt der Name immer noch zu Unrecht einen Beigeschmack von anrüchigen Animationstänzen -- und viele verschiedene Tanzstile werden einfach pauschal unter dem Oberbegriff Bauchtanz zusammengefasst.
"Der Bauchtanz . . . ist so alt wie die machtvolle Sexualität, die er ausdrückt", schreibt die Schriftstellerin und Bauchtänzerin Wendy Buonaventura in ihrem Buch "Die Schlange und die Sphinx". Der Tanz wurde bei religiösen Riten zur Anbetung von Fruchtbarkeitsgöttinen eingesetzt, um die Fruchtbarkeit der Erde und das Fortbestehen der menschlichen Gattung zu sichern. "Seine Bewegungen ahmten den Zeugungsvorgang nach und die geheimnisvolle Weitergabe des Lebens durch den Akt des Gebärens."
|